Montagmorgen oder Arbeiten im Großraumbüro

Es ist Montag, kurz nach 08:00 Uhr, ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche, mich zu konzentrieren. Sicher kennen Sie Großraumbüros, kaum eine Firma, die das heutzutage nicht hat. Zwei Kollegen unterhalten sich, nicht laut, aber laut genug, daß man sie gut verstehen kann. Andere kommen nach und nach herein und wünschen “Guten Morgen”! Telefone klingeln. Die Kaffeemaschine arbeitet. Ich versuche, es der Kaffeemaschine gleich zu tun, was nicht ganz einfach ist. Es gibt einfach ziemlich viel Ablenkung.

Passend zu dieser Situation finde ich einen Artikel von Swizec Teller auf Business Insider: ‘Why Programmers Work At Night’. Dieser Artikel konzentriert sich auf einen ganz wesentlichen Aspekt moderner Büro-Jobs: die zunehmende Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben. Diese Komplexität bedingt, daß eine sehr große Menge an Informationen in unseren Arbeitsspeicher hochgeladen werden muß, bevor wir an einem Projekt, einem Stück Code, einem Strategiepapier arbeiten können. Das wiederum benötigt Zeit und mentale Energie, und jede Ablenkung hat das Potenzial, unseren Arbeisspeicher wieder zu überschreiben.

Das klingt alles ganz logisch und nachvollziehbar, und die moderne Neurologie bestätigt prinzipiell die dem zugrundeliegende Arbeitsweise unseres Gehirns. Also: weg mit den Großraumbüros?

Szenenwechsel. Ich sitze in meinem Studio am Keyboard, neben mir zwei Computer mit sehr komplexer Software, ein großes Mischpult und etliche MIDI Controller, auf der anderen Seite Dermot Hyde, ein guter Freund und Musiker, mit seinen Uillean Pipes. Wir spielen ein Stück für Pipes und Orchester, ich schalte immer wieder zwischen verschiedenen Instrumentengruppen um, bediene 3-4 MIDI Controller gleichzeitig, koordiniere das mit Dermot’s völlig flexibler Tempo-Wahl, und die richtigen Töne muß ich dabei auch noch erwischen, so nebenbei. Das fühlt sich an wie Autofahren, Hubschrauberfliegen und telefonieren gleichzeitig, es erfordert volle Konzentration, genauso wie die Arbeit an einem Strategiepapier.

Der Unterschied zum Büro: diese Konzentration stellt sich im Studio sofort ein und ist durch fast nichts zu stören. Wenn ich Musik mache oder komponiere, können Sie neben mir drei Rockbands spielen lassen, ohne mich im geringsten zu stören. Wir verfügen offensichtlich über einen sehr leistungsfähigen Filter für unsere Sinne, der es uns ermöglicht, unsere volle Konzentration jederzeit und unter fast allen Voraussetzungen auf eine beliebige Aufgabe zu richten. Wenn wir uns ablenken lassen, dann deshalb, weil wir das zulassen – unser Filter ist nicht aktiviert.

Natürlich hilft es ganz enorm, wenn die Kollegen die Büro-Etikette einhalten, sich z.B. nicht zu laut unterhalten oder telefonieren. Für mich ist jedoch wichtiger, herauszufinden, warum ich mich auf manche Aufgaben konzentrieren kann und auf andere nicht so gut. Da mag jeder andere Gründe haben. Manche Aufgabe, gerade administrative Tätigkeiten, empfinden wir vielleicht als eher nicht so spannend und konzentrieren uns deshalb nicht richtig darauf. Aber es gibt sie, diese Aufgaben im Büro, in denen ich vollständig versinke und mich noch nicht mal durch Kollegen ablenken lasse, die mich direkt ansprechen, bei denen ich mein Telefon überhöre und vergesse, daß ich hungrig bin. Und ich bin in der sehr glücklichen Lage, in einer Firma zu arbeiten, die es mir ermöglicht, den Großteil meiner Zeit mit solchen Aufgaben zu verbringen.

Jeder von uns hat seine individuellen Stärken und Schwächen und davon abgeleitet bestimmte bevorzugte und weniger geliebte Tätigkeiten. Konzentration kann man lernen und trainieren, aber der oben erwähnte Artikel sollte uns animieren, unsere täglichen Aufgaben einmal zu prüfen. Wenn wir bei den meisten davon dauerhaft Konzentrationsprobleme haben, dann ist es Zeit für eine gründliche Überprüfung der Karriereplanung. Oder vielleicht auch nur Zeit für einen längeren Urlaub …

Mit freundlichen Grüßen!

 

Ralf Schnell

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Ralf Schnell

Ralf Schnell is an IT strategy advisor, musician, composer, dancer, teacher, Microsoft Certified Trainer and ITIL Service Manager. His primary focus is on Cloud Computing as a means of business transformation and innovation. After many years at Microsoft, as an IT operations analyst, enterprise strategy consultant and technical evangelist for Virtualization and Cloud Computing, he joined CA Technologies in Nov. 2011 as a member of a Cloud Computing strategy team.

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